+++Extrablatt+++Extrablatt+++Extrablatt+++Extrablatt+++Extrablatt+++Extrablatt+++Extrablatt+++ RELEGATION!

Der Aufsteiger aus dem Bielefelder Süden auf dem Weg zu den Sternen – Der Waldbadexpress „rockt“ die A-Liga und spielt um den Bezirksligaaufstieg!

(sm) Nach einem höchst überzeugendem 11:0 steht der TuS 08 Senne I im Saisonfinale gegen SC GW Espeln.

 

Simon Czernia besorgte bereits nach 3 Minuten die Senner Führung
Simon Czernia besorgte bereits nach 3 Minuten die Senner Führung

„Hui, hier weht aber ein anderer Wind“, dachte ich mir am 14. August des vergangenen Jahres, als ich mit meinen Zwillingen, die es inzwischen auch kaum noch erwarten können für den TuS 08 an den Ball zu treten, zum Saisonauftakt der Kreisliga A 2016/17 an der Sportstätte des Meisterschaftsfavoriten TuS Brake um Einlass bat. Mein verlegener Hinweis, dass ich doch „Vorstand“ sei erweichte den freundlichen aber bestimmten Herrn im Braker Kassenhäuschen nicht. Also zahlte ich den geforderten Entree und betrat die Bühne der Senner A-Liga-Premiere 2016. Diese kleine Anekdote war meine erste Berührung mit der Kreisliga A Anno 2016.

 

Inzwischen liegen 30. Spieltage und etwa 10 Monate zwischen der damaligen 1:2 Niederlage der gerade erst aufgestiegenen Senner Mannschaft und dem heutigen 11:0 Kantersieg gegen die bereits abgestiegenen Steinhagener. Vieles ist seitdem passiert, nicht nur Gutes, das muss man dazu sagen, aber an einem denkwürdigen, ja geradezu historischen Tag wie heute gilt es nicht, das Haar oder die Haare in der Suppe zu suchen, sondern es gilt zu ehren und anzuerkennen, wem Ehre und Anerkennung gebührt. Als ich 17 war, also ziemlich genau vor 20 Jahren, da spielte schon einmal eine Senner Mannschaft um den Aufstieg in die Bezirksliga. Damals jedoch, da waren die Dynamiken und die Begebenheiten andere. Auch die Mannschaft setzte sich anders zusammen. Große Namen des damaligen Kreisligafußballs, folgten einem großen Ruf zum Waldbad. Die Geschichte hatte kein Happy End.

Ob diese Geschichte hier ein Happy End hat, eines das dem Fußball würdig ist, das ist eine andere Sache und sie liegt in den Händen der Protagonisten von 2017, den jungen Helden vom Waldbadexpress, die auszogen um dem Senner Waldbad zu einer Sensation zu verhelfen.

 

Als ich vor einigen Wochen meinem Trainerschein-Mitstreiter Erkan Aydogan, von Türkgücü Sennestadt, in einem kurzen Telefonat viel Glück und Erfolg für die Partie gegen den ärgsten Senner Rivalen, TuS Brake, wünschte, da spürte ich Zuversicht und einen großen Glauben daran, dass der Fußballgott es einmal mehr gut meinen könnte mit den Sennern, und wahrhaftig, am 27. Spieltag, erkämpfen sich die Senner Jungs durch das späte „Goldene Tor“ von Allstar-Anwärter Flori Helmke und der grandiosen Schützenhilfe der Sennestädter Nachbarn, den zwoten Tabellenplatz.

Jetzt, am 28.05.2017 um 21:03 Uhr, nach drei weiteren Partien steht fest, für den TuS 08 Senne I ist die Saison 2016/17 noch nicht zu Ende, nein, sie beginnt jetzt wohl erst so richtig.

 

Matthes Schwabedissen (Nr. 7) war kaum zu halten
Matthes Schwabedissen (Nr. 7) war kaum zu halten

Am heutigen 30. Spieltag ging es noch einmal darum, das späte Glück dieser Saison über die Ziellinie zu retten und gegen den bereits abgestiegenen Club von Türk Sport Steinhagen zunächst die drei Punkte unter Dach und Fach zu bringen und wohlmöglich sogar –mit nochmaliger Schützenhilfe aus Sennestadt- das fast Aussichtslose, das Unerreichbare noch zu bewerkstelligen. Die Fachleute vermeldeten, dass bei einem Sieg von Sennestadt der Waldbadexpress mit „voller Pulle“ durch Steinhagen rauschen musste und mindestens 9 Tore mehr schießen müsste als der heutige Kontrahent.

 

Nach teils schweren Gewitterschauern am Vormittag herrschten jedoch, bei sich wieder einstellenden sonnigen Verhältnissen, Wetterbedingungen tropischen Ausmaßes am Steinhagener Cronsbach. Als Afrika-Veteran fühlte ich mich an die einsetzende Regenzeit in der südsudanesischen Savanne erinnert.

Das Trainerensemble um Mike Wahsner und Christian Lyko (Roland Landgraf hatte sich in den Kurzurlaub verabschiedet) konnte insgesamt aus einem breiten Kader auswählen, ließ aber abgesehen vom gelbgesperrten Kapitän Michel Dennin, die zuletzt aufgelaufene Startelf agieren. Lediglich „Kann alles“-Allrounder Flori Helmke musste tiefer spielen und neben Malte Gruner den Senner Spielführer ersetzen, was Helmke einmal mehr in höchstem Maße mannschaftsdienlich exzellent erledigt. Die Defensivformation blieb unangerührt, das Mittelfeld abgesehen von der bereits geschilderten Umstellung genauso, offensiv erhielt Youngster Simon Czernia die Möglichkeit von Anfang an neben Tim Neundorf. Als Alternativen standen mit Basti Paschkowski, Henne Eckseler, Jan Gruner, Timon Finger und Dennis Ambrosius eine starke Bank zur Verfügung.

Die Gerüchteküche um legitime Anreize für die bereits abgestiegenen Steinhagener brodelte genauso wie in der Vorwoche, als man gegen den Mitaufsteiger aus Jöllenbeck zu Felde zog, daher blieb es abzuwarten, wie sich der Gastgeber hier und heute beim letzten A-Liga-Auftritt der laufenden Spielzeit schlagen würde.

Mit Anpfiff des guten Schiedsrichters, der lediglich durch seinen verbalen Aussetzer im letzten Drittel sein hervorragendes Gesamtbild schmälerte, kam recht schnell Licht hinter das, was auf die Senner in den letzten 90 Minuten der regulären Saison warten sollte. Die Gastgeber mühten sich redlich, hier nicht allzu sehr und vor allem allzu schnell unter die Räder zu kommen, aber bereits nach wenigen Minuten sollte klar sein, dass dieses ein schwieriges Unterfangen werden würde.

 

Schon hatten die Senner den Abwehrbügel der Gastgeber aufgeknackt und mit ein wenig Mithilfe des Tabellenvorletzen das 1:0 durch Simon Czernia erzielt. Der frühe Treffer half natürlich, insgesamt verlief das erste Drittel aber zu wenig zielstrebig und in vielerlei Hinsicht überhastet. Statt gegen die nach Offensivaktionen nur langsam umschaltenden Gastgeber schnell und über eine breite Spielanlage flexibel nach vorne zu kommen, wurden gegen lückenhafte Abwehrreihen zu oft Fernschüsse aus 30 Metern+ angesetzt, anstatt die Situationen abgeklärt auszuspielen. So dauerte es bis zur 26. Spielminute, ehe Simon Czernia einen Rückpass der Steinhagener Abwehr erlaufen konnte, um dann auf den völlig freistehenden Matthes Schwabedissen querzulegen, der nur noch einzunetzen brauchte. Nach 30 Minuten bei diesen tropischen Bedingungen kamen einige der Heimakteure an ihre physischen Grenzen und damit die Senner in Gefühlte 80% Ballbesitz. Für die Gastgeber reichte es bei einem Fauxpas in der Senner Hintermannschaft zu einer guten Chance in der 45. Spielminute, aber der bärenstarke Marcel Landgraf und Julian Gebken vereitelten gemeinsam. Den blitzschnell eingeleiteten Konter spielten die Senner über den starken Matthes Schwabedissen perfekt zu Ende, sodass Simon Czernia mit seinem zweiten Treffer die komfortable Halbzeitführung markieren konnte.

 

Auch "Freigeist" Malte Gruner (hier mit modischem Haarschmuck) traf für den Waldbadexpress
Auch "Freigeist" Malte Gruner (hier mit modischem Haarschmuck) traf für den Waldbadexpress

Die Senner mussten demnach im zweiten Durchgang noch mindestens sechs Tore schießen, um ihre „Hausaufgaben“, im Falle eines unverhofften Sieges der Sennestädter gegen SuK Canlar, zu erledigen. Die Senner brauchten wieder einigen Anlauf, ehe das Spiel so richtig in Fahrt kam, dann rauschte der blau-weiße Express aber in Höchstgeschwindigkeit durch den Cronsbach und absolvierte bei den hohen Temperaturen ein mörderisches Pensum. Tobias Neundorf erzielte in sieben Minuten per Hattrick das vier, fünf und 6:0, der kurz zuvor eingewechselte Sebastian Paschkowski „lederte“ überlegt nach perfekter Vorarbeit über gleich mehrere Stationen zum 7:0 ein. Die tapferen und fair agierenden Gastgeber waren zu bedauern und sehnten einfach nur das Ende herbei, da waren aber noch 20 Minuten zu spielen. Malte Gruner legt mit einem sehenswerten Treffer aus spitzem Winkel das 8:0 nach, nur zwei Minuten später erfüllt der ebenfalls eingewechselte Timon Finger mit einem weiteren sehenswerten Treffer die Senner Kür, es steht 9:0. Bei einem Sennestädter Sieg wären die Waldbadkicker jetzt Meister, alles geht noch, zumal der Ortsnachbar kurzzeitig mit 2:1 im Gadderbaumer Sportpark führt. Senne lässt hier noch nicht locker und spielt sich im Steinhagener Glutofen in einen Rausch. 10:0 durch Tobias Neundorf, jetzt wird es richtig deutlich. Zwar müssen auch die Senner jetzt dem Wahnsinns Engagement ein wenig Tribut zollen, immer aber wenn es nach vorne geht, stehen die Gruners, Neundorfs, Dennins und Co. Nochmal für einen Husarenstreich bereit. Das 11:0 in der zweiten Minute der Nachspielzeit ist ein Elfmeter, der von außen wie keiner aussah, da aber zuvor zwei äußerst elfmeterverdächtige Szenen nicht geahndet wurden wohl so etwas wie der stets wiederkehrende Ausgleich des „Allmächtigen Fußballgottes“.

 

Mit 11:0 war der Waldbadexpress über den Steinhagener Kunstrasen gefegt, am Ende sollte es aber nicht ganz für den Meistertitel reichen, den sich der seit dem 2. Spieltag am Platz an der Sonne thronende SuK Canlar durch ein 2:2 gegen Sennestadt sicherte. Ein Sennestädter Tor fehlte der jungen Senner Truppe somit am Ende, allerdings wäre es jetzt wohl mehr als undankbar und auch ein wenig vermessen, mit dem Schicksal zu hadern. Canlar 67 Punkte, Senne 66 Punkte, Brake 65 Punkte – der Tabellenendstand verrät die ganze Dramatik dieser Saison, in der der Aufsteiger am Ende die favorisierten Clubs auf die Plätze verwies.

 

Dass so etwas in Zeiten, in denen selbst der Kreisligafußball zu weiten Teilen durchkommerzialisiert ist, noch möglich ist, scheint einem Märchen gleichzukommen. Wir sind nicht naiv am Waldbad und wissen sehr wohl, welche Begehrlichkeiten dieses junge Team geweckt hat und dass die „Häscher“ mit verheißungsvollen Offerten schon bei What’s App warten. Umso mehr freut es mich für den Moment, dass „Selbst ist der Verein“, Ideale, Werte sowie Blut, Schweiß und Tränen einen kleinen Sieg des Herzens errungen haben.

 

Der Mannschaft und den Trainern gebührt an dieser Stelle natürlich für die abgelaufene Saison 2016/17 ein gigantisches Lob. Aber leider ist die Saison noch nicht zu Ende und daher wird an dieser Stelle auch noch nicht mehr als nötig gelobt…;-) Vor der Mannschaft und vor dem Bielefelder Örtchen Senne I liegen noch mindestens 180 Minuten Fußball im sportlichen Messen mit dem unglücklich Unterlegenen der Paderborner Bezirksliga-Relegation, dem SC GW Espeln. Jetzt heißt es mit breiter Brust hinter der Senner Mannschaft zu stehen und mit ihr an ein Fußballwunder zu glauben, an einem Fußballwunder teilzuhaben, von dem man in vielen, vielen Jahren vielleicht einmal den Enkeln erzählt. Senner Jungs, lasst das Wunder wahr werden, erzählt IHR die Geschichte zu Ende, "Als der große TuS auszog, um in die Bezirksliga aufzusteigen“...

 

 

#Ibelieve

 

Tim Neundorf mit dem Schlussakkord vom Punkt - 11:0
Tim Neundorf mit dem Schlussakkord vom Punkt - 11:0